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Januar 2017
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Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Ausstellung "Jewish Child Survivors" in der Frankfurter Paulskirche

Aviva Goldschmidt mit Schülern des Bad Homburger Kaiserin Friedrich Gymnasium (Foto: Rafael Herlich)
„Du darfst nicht weinen, Du darfst nicht lachen, Du darfst nicht sprechen, Du musst ganz still sein!“ Die ständigen Ermahnungen der Mutter, die in ihrem Innersten bis heute nachhallen, retteten der kleinen Aviva das Leben. Aviva Goldschmidt, geb. Tuch, überlebte den Holocaust als kleines Kind gemeinsam mit ihrer Mutter in verschiedenen Verstecken in der damals polnischen Stadt Boryslav, heute Ukraine.
Drei Jahre war Aviva Goldschmidt alt, als Deutschland im Sommer 1941 die Sowjetunion überfiel. Ihre bis dahin wohl behütete Kindheit wurde abrupt unterbrochen. Aviva lebte damals mit ihren Eltern Mendel und Pinia Tuch und ihren Geschwistern Cilla und Josef in einem eigenen Haus. Als Mechaniker in der örtlichen Erdölindustrie sorgte der Vater für ein gutes Familienauskommen.
Bald darauf wurde der Vater zur Zwangsarbeit verschleppt und kehrte nicht wieder zurück. Die Schwester Cilla flüchtete auf das Gebiet der damaligen Sowjet Union. Aviva und Josef kamen mit der Mutter ins Zwangsarbeitslager Boryslav, von wo ihnen die Flucht gelang. Bis zur Befreiung im August 1944 hielten sie sich an verschiedenen Orten in und um Boryslav versteckt. Eindrücklichster Moment der Erinnerung an diese Zeit ist für Aviva Goldschmidt das Gebot, sich im Versteck ruhig zu verhalten, keinen Laut von sich zu geben. Noch in den letzten Besatzungstagen wurde Avivas älterer Bruder Josef mit nur 20 Jahren von deutschen Soldaten erschossen.
Kinder im Holocaust
1,5 Millionen jüdische Kinder wurden während des Holocaust ermordet. In Lagern und Ghettos hatten Kinder kaum eine Chance zu überleben. Bei der Deportation in die Vernichtungslager wurden sie in aller Regel zur sofortigen Vernichtung selektiert. Lediglich im Versteck, in der Illegalität oder unter falscher Identität bestand eine vage Aussicht zu überleben. Häufig ging die Verfolgung mit der Trennung von den Eltern einher, wodurch die Kinder in besonderer Weise schutzlos waren. Das Gefühl der Schutzlosigkeit, der Verlassenheit und der Verlust von Geborgenheit werden von fast allen Child Survivors als bleibende Traumata beschrieben. Nur wenige hatten wie Aviva das Glück, gemeinsam mit einem Elternteil zu überleben.
Tafelausstellung "Jewish Child Survivors"
Aviva Goldschmidts Verfolgungsschicksal hat Eingang gefunden in eine Tafelausstellung, die die Claims Conference in Kooperation mit der Stadt Frankfurt aus Anlass des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar in der Frankfurter Paulskirche zeigte. Begleitend zur Gedenkveranstaltung der Stadt wurde die Ausstellung in der Wandelhalle der Paulskirche präsentiert.
Aviva Tuch nach der Befreiung als Schülerin in Polen
Aviva Goldschmidt mit ihrem Mann Jürgen Goldschmidt und Tochter Ilana Goldschmidt
Anhand von Einzelbiografien reflektieren die Tafeln individuelle Schicksale von Kinder-Überlebenden vor, während und nach dem Holocaust. Sie macht sichtbar, welche Verluste die einzelnen Überlebenden durch den Holocaust erlitten haben. Herausgearbeitet werden insbesondere auch die gravierenden Folgen und anhaltenden Traumata der einzelnen Überlebenden. Was sie als Kinder bewusst oder unbewusst erlebten, hat sie ihr Leben lang verfolgt und tritt gerade jetzt im fortgeschrittenen Alter in Form verschiedener Krankheitsbilder verstärkt wieder zu Tage.
Viele der heute noch lebenden rund 500.000 jüdischen NS-Opfer leben unterhalb der Armutsgrenze ihrer jeweiligen Wohnländer. Sie sind gerade jetzt im Alter auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Die Claims Conference leistet hierfür einen bedeutenden Beitrag, indem sie über profilierte Sozialagenturen häusliche und medizinische Betreuung, warme Mahlzeiten, Kleidung und Winterhilfe, Tagesbetreuung, Transfers etc. für Holocaust-Überlebende zur Verfügung stellt. Gemeinsam mit der Bundesregierung hat sie hierfür im vergangenen Jahr 415 Millionen US$ aufgewendet.
Zeitzeugengespräch mit Schülerinnen und Schülern
Mehrere Schulklassen nahmen vor der Gedenkzeremonie, bei der der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann sprach, an einem Zeitzeugengespräch mit Aviva Goldschmidt teil. Eindrücklich schilderte Frau Goldschmidt unter welch schwierigen Bedingungen sie den Holocaust im Versteck überlebte und welche Folgen dies für ihr weiteres Leben hatte. Anders als viele andere Überlebende, die nach dem Holocaust nicht wieder Fuß fassen konnten, hat Frau Goldschmidt beruflich Karriere gemacht. Viele Jahre war sie Leiterin der Sozialabteilung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Sie erläuterte, dass die NS-Verfolgung sie stets begleitet habe, die Erinnerung an den Holocaust jedoch jetzt im fortgeschrittenen Alter mit größerer Wucht zurückkehre. Dank therapeutischer Hilfe habe sie ihre Traumata jedoch im Griff.
Oberbürgermeister Feldmann begrüßte die rund 100 Schülerinnen und Schüler des Kaiserin Friedrich Gymnasiums aus Bad Homburg, die zum Zeitzeugengespräch in die Paulskirche gekommen waren. Er erklärte, dass der authentische Bericht von Zeitzeugen den Zuhörern direkten Zugang ermögliche.
Die Schülerinnen und Schüler waren von Frau Goldschmidts Schilderungen tief bewegt und stellten ebenso interessierte wie einfühlsame Fragen. So wollte ein Schüler wissen, ob sie, als sie in den späten 50er Jahren nach Deutschland gekommen sei, erneut Antisemitismus erfahren habe und wie sie die Situation heute einschätze. Frau Goldschmidt erklärte, dass der Antisemitismus heute offen gezeigt und in allen gesellschaftlichen Schichten anzutreffen sei. Insbesondere war sie über den erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland und ganz Europa besorgt und appellierte an die Jugendlichen, sich für die Demokratie und Toleranz einzusetzen.
Solange noch Holocaust-Überlebende unter uns sind, ist der Holocaust nicht Geschichte. Viele Überlebende leben unter schlechten, ja miserablen Bedingungen. Es ist die Aufgabe der deutschen Gesellschaft, ihnen zu helfen.

Die wirksamste Form der Erinnerung ist die tätige Hilfe für die Überlebenden.
 
 
Julius Berman 
President
 
Greg Schneider
Executive Vice President
Ruediger Mahlo
Repräsentant in Deutschland

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