Der Juli-Newsletter des QM-Düttmann-Siedling
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PORTRÄT
Feuerdorn und Schlierstrauch

Seit fast zehn Jahren pflegt Bettina Heimweg die Grünflächen der Düttmann-Siedlung. Passend zur Jahreszeit – und dem anstehenden Heckenschnitt – sprachen wir mit ihr über ihre Arbeit, ihre Lieblingsecken, was Kreuzberg mit der Eiszeit verbindet und warum die Gärtnerin der Siedlung so gerne dort arbeitet.

Ein Spaziergang von Adrian Garcia-Landa – mit Bettina Heimweg




Gäbe es Ausschreibungen für Pflanzen in Städten würde man lesen: Der/die Kandidat*in sollte extrem belastbar sein, auf schlechtem Boden gut wachsen und immer blendend aussehen. Jährliches Blühen wird vorausgesetzt. Als Objekt-Gärtnerin ist Bettina Heimweg eine Art Personalchefin: Sie muss für jede Anforderung die idealen Kandidaten kennen. Für die Düttmann-Siedlung hat sie die Heckenarten Feuerdorn und Spierstrauch gewählt: genügsam, ergiebig, widerstandsfähig und noch dazu hübsch. Sie begrünen in langen Zügen die Wege, Beete und Zäune der Dütti, damit ihre weiße Blüte und die rot-orangenen Früchte besser zur Geltung kommen. «Einheitliche Bepflanzung ist beruhigender fürs Auge. Und wo viele Kinder spielen, müssen die Pflanzen auch was aushalten können», erklärt die Gärtnerin der Siedlung ihr Konzept. Sie zeigt dabei auf die Hauptallee der Siedlung, wo unser Spaziergang beginnt.


Gartenarbeit ist Kopfsache
Als sie vor fast 10 Jahren ihre Arbeit aufnahm, fehlte ihrer Meinung nach genau das: ein Begrünungskonzept. Als gelernte Gärtnerin in München, und ausgebildete Landschaftsarchitektin in Berlin, fiel es der gebürtigen Augsburgerin leicht, ein Konzept zu erarbeiten. «Das Problem in Städten: der Boden ist mit Resten früherer Bauten versetzt und deswegen ernährungsarm. Noch dazu ist er in Berlin vorwiegend sandig und hält kaum das Regenwasser zurück. » Wir stehen jetzt an der größten Rasenfläche der Siedlung, die im Süden die Grenze zum benachbarten Rentenversicherungs-Gebäude bildet. Dort rahmen ein Dutzend stattlicher Säuleneichen eine Wiese auf drei Seiten ein, hinter ihnen sind die Gärten der Erdgeschoss-Wohnungen. «Entweder pflege ich die Privatgärten, oder wenn die Mieter sie selber bepflanzen wollen, helfe ich gerne.», erklärt Heimweg, «Da gibt es schöne Beispiele: Eine Mieterin hat ein Mirabellenbaum, eine andere meinen Lieblingsbaum, die Vogelbeere, und bei einer sprießt eine Blume fast bis zum Nachbar im ersten Stock. Das zeige ich Dir später.»

Sie führt mich auf den vor ein paar Jahren renovierten Spielplatz, mit Ostsee-Sand bedeckt, auf dem sich die blauen Kletternetze und dunkelbraunen Spielkonstruktionen klar abheben. Es ist einer ihrer Lieblingsplätze, auch auf Grund der zwei besagten Bäume, Mirabelle und Vogelbeere. Bettina Heimweg erzählt: «Der Platz ist auf einer Tiefgarage gebaut – eine zusätzliche Herausforderung bei Objektgärten, weil die Verbindung zu tieferen Erdschichten abgeschnitten ist. Eigentlich besteht meine Hauptarbeit darin, den Boden wieder fruchtbar zu machen. Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Am besten ist es mir in meiner kleinen Baumschule gelungen.»


Die Baumschule der Siedlung
Ich folge ihr zu einem der vielen Innenhöfe der Siedlung. Dort befindet sich eine Tischtennisplatte und ein weiterer Spielplatz. «Früher war hier auch noch ein kleiner Fussballplatz, der ging aber den Nachbarn schrecklich auf die Nerven, weil er so nah an den Fenstern war.», erinnert sich die Gärtnerin. Er wurde also sanft umgewidmet. Da wo das Tor stand, pflanzte Heimweg eine Rose . «Vor der hatten die Kinder großen Respekt. Es kamen immer mehr Pflanzen dazu – heute nutze ich das Beet als Reservoir, als meine kleine Baumschule. Wenn ich eine neue Pflanze brauche, hole ich sie von hier.» Sie steigt über den kleinen Zaun auf das ca. 15 m² große Beet. Was ich Unwissender als Mischgestrüpp klassifiziert hatte, unterscheidet sie in sieben verschiedene Arten. Die lateinischen Namen erwähnt sie ganz nebenbei.

Eine Berberitze, Berberis Vulgaris, ein kleiner Strauch mit drahtigen Ästen und kleinen Blättern, steht neben einer Schlehe, Prunus Spinosa, die sich gegen zuviel Nähe gekonnt mit Stacheln wehrt und im Herbst matte, blaue Beeren trägt. In der Mitte thront mannshoch eine üppige Felsenbirne, Amelanchier, zu der sich eine ehrgeizige Wildrose, Rosa, schart. Qualkitia, Ligusta und Maronien tummeln sich auch noch herum. Inmitten der vielen Pflanzen ist Bettina Heimweg in ihrem Element. Die Art, wie sie mal einen Zweig, mal ein Blatt, kurz aber aufmerksam anguckt, zeigt eine Vertrautheit, wie man sie bei wohlwollenden Lehrern sieht. Solche, die ihre Klasse gut kennen und wertschätzen: Der ist so und so, der mag das und das, verträgt sich gut mit dem, weniger mit dem… Nur, dass es sich hier um Pflanzen und nicht um Schüler handelt. Der Boden hat sich in den paar Jahren, die die kleine Baumschule besteht, wundervoll regeneriert: die Pflanzen gedeihen gut. Vielleicht liegt das auch an dem besonderen Klima, worauf die leicht verzögerten Blüte- und Früchtezeiten im Hinterhofs hinweisen.


Wärmer dank der Eiszeit
«In der Stadt ist es immer um ein paar Grad wärmer als auf dem Land, das ganze Jahr lang.», erklärt die Expertin. «In der Siedlung ist es noch ausgeprägter. Wenn ich im Winter von der Hasenheide komme, liegt dort oben noch Schnee, während es hier schon getaut hat.» Ein Mikro-Klima in der Düttmann-Siedlung? «Nicht ganz, aber Kreuzberg und viele Teile Berlins liegen im Urstrom-Tal, wie man die Flüsse nennt, die in der Eiszeit entstanden sind. Die Absenkung der Hasenheide, der Kreuzberg, waren mal die Grenze eines Flussbetts. Wir sind also hier etwas abgeschirmt.» Ok, ein Mikro-Klima in Kreuzberg also? Heimweg lacht: «Nicht nur in Kreuzberg, sondern entlang des ganzen Urstromtals, von Berlin nach Warschau.» Na gut, zumindest gab es soziologisch gesehen mal ein Mikro-Klima in Kreuzberg.

Im letzten Innenhof steht der größte Beweis der etwas milderen Temperaturen der Siedlung: Eine 20-Meter hohe Birke. Vor der Kulisse eines engen Altbau-Innenhofs, der wie eine Fassung wirkt, steht sie einsam, dafür majestätisch, und ragt bis über die Dächer. Ein aussichtsreicher Kandidat zur höchsten Birke Berlins Auch sie grünt mit ein bis zwei Wochen Verspätung. Ist das der höchste Baum der Siedlung? «So gefragt ja. Nur die Pappel neben dem Bolzplatz, Ecke Graefe-/Urbanstrasse, ist höher. Aber die steht genau genommen nicht mehr auf dem Gebiet der Siedlung.» Wie viele Bäume gibt es eigentlich? «90 % der Bäume sind Platanen, insgesamt 57 Stück. Eigentlich wurden sie viel zu dicht gepflanzt, zumindest in der Allee zur Graefestrasse. Dadurch kämpfen sie um Licht und Wasser.» Der Beweis: Sie wachsen voneinander weg, obwohl normalerweise Bäume deselben Art, wenn die Bedingungen gut sind, parallel wachsen und gemeinsam eine Baumkrone bilden. Während in den Wohnungen zu den Platanen hin Erwachsene Sport-Meisterschaften gucken, Jugendliche gnadenlose Casting-Shows, oder grimmige TV-Serien wie Game of Thrones, während Kinder virtuelle Kriege und Wettkämpfe auf Spielkonsolen ausfechten, vollzieht sich unbemerkt ein harter Verteilungskampf zwischen den Bäumen. Allerdings nicht in 90 Minuten, sondern im Rythmus der Jahrzehnte.


Ein Gott im Gerätekeller
















Wir machen einen kurzen Abstecher in den Gerätekeller. Dort sind Harken, Spaten, Krallen, Rasenmäher, Heckenscheren und noch etliche weitere Gerätschaften akkurat gelagert. Von hier aus koordiniert Bettina Heimweg die Arbeit der bis zu fünf Mitarbeiter, auf die sie je nach Bedarf zurückgreift, wie jetzt beim Heckenschnitt. Sie zeigt mir die Raritäten, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hat : Ein Wespennest, das aus vielen Schichten eines hauchdünnen, papierähnlichen Materials beschaffen ist, und ein Vogelnest, das sie in einer Hecke gefunden hat. Am schönsten ist jedoch ein tellergroßer Smiley aus grauem Zement. Dazu erzählt Bettins Heimweg : «Das ist der Hausgott der Siedlung, den hat mein Freund gemacht. Die Römer hatten für jeden Ort und jedes Haus einen Gott, Laren oder Penaten hießen die. Diesen Brauch haben wir für all unsere Arbeitsstätten übernommen.» Denn sie pflegt nicht nur die Düttmann-Siedlung – da der Bau in Berlin boomt, gibt es jede Menge Arbeit. Hat der Scheibengott einen Namen? «Noch nicht.» Ich schlage Smileus Duettmannsensis vor.
 



















Zum Abschluss unseres Spaziergangs zeigt sie mir in einem Mietgarten die erwähnte Pflanze, die den darüberliegenden Balkon streift. «Dieses Pfaffenhütchen hat sich in den letzten zwei Jahren, völlig unerwartet, richtig gut entwickelt. Das ist das spannende am Gärtnern: Man kann nicht alles vorhersehen. Es ist wirklich schön zu beobachten, wie sich die Siedlung im Laufe der Jahre entwickelt. Nicht nur die Pflanzen, ich sehe ja auch die Kinder heranwachsen. Deswegen arbeite ich hier sehr gerne.» Und das macht Bettina Heimweg seit über acht Jahren täglich. Nicht nur als Gärtnerin, auch als Beraterin: Jedem Mieter mit Garten gibt sie gerne Ratschläge. Und sie fungiert als Jurorin bei dem von der Hausverwaltung ausgerufenen Balkonwettbewerb – aber mehr dazu weiter unten.


VERANSTALTUNG
Fastenbrechen unter Freunden

Beim Iftar-Fest feiern Bewohner der Siedlung und Freunde das Ende des Ramadans. Oder wie über 27 Speisen dem Fasten keine Chance ließen.





Fünf lange Tafeln, über 80 Sitzplätze, von über 80 Personen besetzt. Viele davon haben den ganzen Tag nichts gegessen. Am Abend des 1. Juli 2016 war der Werner-Düttmann-Platz in einen riesigen Speisesaal unter freiem Himmel verwandelt worden. Der Grund? Das Iftar-Fest, oder Fastenbrechen, das zweithöchste Fest der Muslime. Drei Tage vor Ende des Ramadans hatten viele Bewohner der Siedlung im Nachbarschaftstreff ein üppiges Büffet aufgetischt und warteten geduldig auf den Sonnenuntergang. Die Nicht-Muslime unter ihnen ließen sich erklären, dass nach Berechnungen türkischer Muslime die Sonne um 20.36 Uhr unterginge, während arabische Muslime 20.39 Uhr errechnet hätten. Die 3-Minuten-Frage wurde in viel kürzerer Zeit gelöst: Nach den einleitenden Worten von Mustafa sang Mohammed Kaya das Gebet, woraufhin das Fastenbrechen offiziell begann.


Bei den über 27 hervorragenden, hausgemachten Speisen, von köstlichem Humus bis zu Erdbeer-Cupcakes, hatte das Fasten kaum eine Chance. Die Vielfalt des Büffets spiegelte die der Anwesenden, die lebhaften Gespräche und der rege Austausch zwischen Bewohnern der Siedlung und Gästen, aus nahen und fernen Kiezen angereist, dauerten bis kurz vor Mitternacht. Für einen reibungslosen organisatorischen Ablauf sorgte das Team des Nachbarschaftstreffs und des Quartiersmanagements, unter der sanften Obhut von Emine Yilmas und Julia Lös. So waren dank vieler freiwilliger Helfer der Platz , die Küche und der Treff rasch wieder in ihren üblichen Zustand versetzt worden. Die Geschwindigkeit der Aufräumarbeiten wirkte fast märchenhaft, egal aus welchem Kulturkreis, ob Tausend und eine Nacht, oder Brüder Grimm. Im Sinne der Vielfalt sei hier nebenbei bemerkt, dass Tischlein Deck Dich ursprünglich aus Indien stammt. Für das hier erwähnte Iftar-fest bräuchte das Märchen die Fortsetzung Tischlein Deck Dich ab.


  Gar nicht kamerascheu: Diese drei Fastenbrecher fragten, ob sie auch auf Instagram zu sehen sein würden.


VERANSTALTUNG

Über Götter und die Welt

5. Interkulturelle und Interreligiöse Begegnungstage im Graefekiez

Berlin ist ein religiöses Paradoxon: Es ist die Hauptstadt in Europa mit den meisten Konfessionslosen, über 60%, gleichzeitig unüberschaubar viele Glaubensrichtungen. Fast alle Religionen und deren Untergruppen sind vertreten. Da Religionszugehörigkeit aktuell überbewertet wird und verkürzte mediale Darstellungen Ängste schüren statt sie abzubauen, ist die Initiative des Nacharschaftshauses Urbanstrasse so wohltuend wie sinnvoll. Vertreter von Religionen sprechen miteinander, anstatt dass andere über Religionen sprechen.



Die 5. Begegnungstage vereinten vom 6.7. bis zum 13.7.16 Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Baha'isten in und um den Graefekiez. Den Auftakt machte eine Kiezkaffee-Tafel am Zickenplatz, gefolgt von einem Picknick am Urbanhafen mit Geflüchteten. Am Sonntag den 10.7. öffneten alle Gotteshäuser und Tempel ihre Türen und luden zu einer Art Gott-Hopping“ ein, unter der wohlwollenden Ägide der Sonne, die gönnerhaft Berlin einen richtigen Sommertag bescherte. Auch sie war mal ein Gott, vermutlich wollte sie den Weg zu ihren Nachfolgern erleichtern.

Bemerkenswert waren die Diskussionen am 11.7.16 im Bethanien-Haus Bethesda in der Dieffenbachstraße zum Thema Frauenbilder im Glauben und am 13.7.16, im Nachbarschaftstreff der Düttmann-Siedlung, Dem Fremden begegnen, Glaube und Religion als Wegweiser. Mit diesen zwei Veranstaltungen endeten die Begegnungstage.

Frauenbilder im Glauben
Im gut besuchten Café des Bethanien-Hauses waren sich Vertreter des Islams, des Judentums, des Buddhismus und des Christentums einig, dass die Gesellschaft einen starken Einfluss auf die Auslegung des Frauenbildes der Religionen habe. Anwesend waren Tanja Berg von der Synagoge Fraenkelufer, Sabine Fechner für das Buddhistische Tor, Feride Funda G.-Gençaslan für das Sufi-Zentrum Rabbaniyya, Pfarrerin Ute Gniewoß von der Heilig-Kreuz-Kirche und Pfarrer Thomas Steinbacher von der Christuskirche. Im Sinne der Lesbarkeit sei mir in Folge erlaubt, immer die Religionen anstatt deren Vertreter bei den Diskussionen zu nennen.


Gesellschaft vs. Religion: ein ungleicher Kampf
In diesem Punkt herrschte Konsens: Die jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Ansichten und Annahmen bestimmen maßgeblich die Interpretation der Schriften, die sehr selektiv wahrgenommen werden. Zwischen dem Bibeltext, der z.B. die Anhängerin Jesus´, Maria-Magdalena, nicht wertend als unabhängige Frau schildert, und der Interpretation der Exegeten folgender Jahrhunderte, liegen Welten. So wurde das selbstbestimmte Leben einer Frau, damals eine Anomalie, als moralisch verwerflich verurteilt. Das Gerücht der Prostitution hält sich bis heute, obwohl nichts dergleichen in der Bibel findet.

Geistliche Gedächtnislücken
Aber auch die Praxis der Religionen wird sehr lückenhaft berücksichtigt: Im Islam spielten gelehrte Frauen lange Zeit eine Schlüsselrolle zur Überlieferung des religiösen Wissens. Sämtliche Kenntnisse über das Leben des Propheten wurde von Frauen festgehalten. Die sogenannten Hadithe, oder Handlungen Mohammeds, sind für die islamische Lehre unverzichtbar. Imame suchten Frauen auf, um ein besseres Verständnis des Glaubens zu erlangen. Im Khalifat Andalusien gab es noch nicht die restriktive Auslegung des Korans, die Männern den Umgang mit Frauen außerhalb der Ehe verbietet. Im osmanischen Reich gründeten und leiteten Frauen Universitäten, was Mohammeds Vorstellung der Frau als Wissensvermittlerin entsprach.

Bei den Protestanten führte in den 60er Jahren das Streben der Frauen nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung zu Pfarrer* und Bischöf*Innen. Besonders weibliche Vorbilder fehlten, um Frauen zu einer geistlichen Laufbahn zu inspirieren. Feministinnen haben auch im Judentum und im Islam starre Vorstellungen aufgeweicht, weibliche Rabbiner und Imame bleiben aber noch eine Seltenheit.

Die Mutter aller Unterschiede
Nur in einem Punkt scheint der Wandel der Gesellschaft wenig Einfluss zu haben, vermutlich auch, weil es sich hier um eine unverrückbare Tatsache handelt. Der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau dient nach wie vor zur Rechtfertigung der Rollenunterschiede und Geschlechtertrennung. Ein Seelsorger muss rund um die Uhr für seine Gemeinde verfügbar sein, was bei Frauen, die ein Kind bekommen, nicht leistbar sei, so die Vertreterin des Islams. Was ist dann mit Frauen, die das Alter des Gebärens überschritten haben? Die Frage des Kiezredakteurs wurde nicht schlüssig beantwortet.

Die Buddhisten, die als Religion ohne Gott eine Ausnahme in der Runde bildeten, erklärten, dass ihre Tradition der Wissensübermittlung auf einer intensiven Lehrer-Schüler Beziehung basiere. Der Geschlechterunterschied könnte bei der erforderlichen Vertrautheit kontraproduktiv sein. Und die Erfahrung von Single-Sex-Mediations-Retreats hätten sich überraschend als sehr förderlich erwiesen, die Qualität der geistigen Praxis sei eine ganz andere. Die Vertreterin des Islams nickte, die Vertreter der Protestanten waren nicht überzeugt.

Fremden begegnen: Glaube als Wegweiser
Bei der Diskussion im Nacharschaftshaus der Düttmann-Siedlung herrschte unter allen vertretenen Religionen Einigkeit: Jede relativiere den Begriff des Fremden und strebe nach Einigkeit aller Menschen. Diesmal waren neben Protestanten (Marita Lessny, Heilig-kreuz-Kirche), Buddhisten (Amaragathna, Buddhistisches Tor), Muslimen (Feride Funda G.-Gençaslan, Sufi-Zentrum Rabbaniya) auch Bahah'isten (Aaron Dahm, Baha'i Gemeinde Fh-Kzbg) vertreten. Die existierenden Unterschiede seien als Aufgabe zu verstehen, den Menschen im Anderen zu erkennen. Die Rechtfertigung der Selbstverteidigung und auch manchmal der Gewalt, die sich in der Bibel und im Koran finden lässt, sei im historischen Kontext zu sehen. Hier haben es die Baha'Isten und Buddhisten einfacher: Letzterer ist pazifistisch bis zum Vegetarismus, ersterer konnte dank seiner Entstehung im 19. Jahrhundert die Irrwege der anderen vermeiden.

Schweizer Enthusiasmus und gefüllte Wissenslücken
Abschließend betrachtet waren die Begegnungstage ein Erfolg, Besucher gaben sehr positive Rückmeldungen. Ein Pfarrer aus der Schweiz war vom „authentischen Austausch“ begeistert und will auch im kommenden Jahr dabei sein. Eine Bewohnerin des Bethanien-Hauses schätzte den gewonnen Einblick in den Islam sehr, insbesondere das Anküpfen ans alte und neue Testament und die Anerkennung der christlichen Propheten sowie der Mutter Gottes durch den Islam. Das hätte sie in den zahlreichen medialen Darstellungen so noch nie gehört.

Allein die Tatsache, dass Vertreter verschiedener Religionen miteinander redeten ist als großer Erfolg zu werten. Eine Wohltat in Zeiten, in welchen viel über Religionen gesprochen wird, Hasardeure Unterschiede zu Hindernissen aufbauschen und dabei mit Halbwahrheiten hantieren. Vielleicht sollten sie die Surate des Korans befolgen: Ich habe Euch getrennt, damit ihr zueinander findet.“  Ein erster Schritt wäre die Kenntnis der Religionen zu verbessern und Diskussionen wie diese oft und an vielen anderen Orten zu wiederholen.
 





FIRMEN IM VIERTEL: WIRTSCHAFTSTREIBENDE IM GRAEFE-KIEZ

Der Kreuzberger aus Khartoum

Seit 1988 betreibt Salah Yousif ein Geschäft im Graefekiez.Das lebende Gedächtnis des wilden West-Berlins kennt die Menschen im Kiez wie kein zweiter und hält Eindrücke seiner Wahlheimat in Gedichten fest.


Das Geschäft ist schmal, überfüllt mit Schränken, Kommoden und Stühlen aus vergangenen Jahrhunderten. Denn im Antiquitätengeschäft von Salah Yousif sind die Möbel zwischen 100 und 150 Jahre alt: perfekt renoviert, zeitgemäß abgebeizt und noch dazu erschwinglich. Küchenmöbel aus einer Zeit, als es noch keine maßgeschneiderten Zeilen gab; Sekretäre mit ausklappbaren Schreibflächen, als man noch Briefe schrieb. Und Yousif, passend dazu, verweigert konsequent E-Mails und das weltweite Netz: „Internet und Computer haben mich nie interessiert.“ Erreichen kann man ihn per Festnetz, oder in dem man von 13 bis 18 Uhr in der Urbanstrasse 46 vorbeikommt. Etwas Fortschritt hat er zugelassen: Seit ein paar Monaten besitzt er ein Handy.

 

So wie die Möbel Zeugen der Vergangenheit sind, ist Yousif Zeuge der jüngeren Geschichte Kreuzbergs. Seit 1988 betreibt er seinen Laden und hat die radikalen Veränderungen des Kiezes miterlebt. Von der Wehrdienst-Verweigerer-Schutzburg bis zur heutigen Yuppie-Hochburg, vom langsamen Ansteigen der Mieten und dem damit einhergehenden Austausch der Bewohner. „Ich kenne noch zwei, drei Damen, die seit den 50er Jahren hier wohnen.“ , erzählt der Geschäftsmann. „ Damals gab es sehr viele deutsche Eckkneipen und viele Arbeiter, heute sind es sehr viele schicke Cafés und besserverdienende Menschen. In den 80ern war das Verhältnis Deutsche-Ausländer ausgewogen, in den 90ern kamen mehr Ausländer, jetzt gleicht es sich wieder aus.“

Genauso rasant wie seine Wahlheimat Kreuzberg, hat sich auch seine ursprüngliche Heimat Khartoum, die Hauptstadt Sudans, geändert. „Als ich in den 70ern nach Berlin kam, war es für mich eine Großstadt. Ich ging nach Khartoum mit seinen 750.000 zurück, um mich zu erholen. Heute wohnen dort 10 Millionen Menschen, davon erhole ich mich in Berlin.“ Nach Europa führte ihn ein Studium der Soziologie in Bulgarien - auf Russisch. Als er bei einem Aufenthalt in Berlin seinen Pass verlor, beschloss er, zu bleiben. „ Ich hatte sofort Kontakt zu Deutschen und fühlte mich in der Atmosphäre West-Berlins sehr wohl.“ , erinnert er sich. „Damals waren Charlottenburg und der Ku-Damm die Partyzentren, das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Es waren übrigens keine Partys, sondern Feten. Mit drei deutschen und einem sudanesischen Freund eröffneten wir insgesamt fünf Nachtclubs, darunter das Linientreu. Nach vielen spannenden Jahren habe ich dann das Geschäft hier eröffnet, aber aus der Zeit habe ich noch viele gute Freunde behalten.“

 

Unter anderem einen, der ihm bei seiner Zweitbeschäftigung hilft: denn Salah Yousif ist nicht nur Möbelhändler, er schreibt seit über 30 Jahren Gedichte. Schreibt, nicht tippt. Auf Arabisch, das er ins Deutsche übersetzt. Sein Freund hilft ihm beim Feinschliff der Texte, denn Yousif weiß: „ Deutsch ist eine sehr schwere Sprache. Russisch war sehr einfach zu lernen, nach einem Jahr Lernen konnte ich studieren. Aber nach 40 Jahren Deutsch habe ich immer noch Fragen. Es ist zwar sehr logisch, aber sehr komplex. Arabisch hingegen ist überbordend, wuchernd, üppig, bildstark. Es hat einen unendlichen Wortschatz, wir haben 100 Wörter für Löwe z.B., man kann sich unglaublich fantasievoll ausdrücken.“

Yousif ist ein zweisprachiger Dichter. Seine Gedichte erscheinen in schmalen Bänden beim propeller Verlag. Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft, das er auf meine Bitte hin auf Deutsch und Arabisch vorliest, endet mit dem Vers Denn ich bin das Kind von zwei Welten.“ (Am Ende des Artikels zu hören). Das trifft sicherlich auf viele Bewohner der Düttmann-Siedlung zu. Die klassische Frage, die man vielgereisten Menschen stellt, kann ich mir nicht verkneifen. Wo ist zu Hause? Yousifs Antwort : „Ich bin absolut in Westberlin und Kreuzberg verwurzelt, Ost-Berlin habe ich nur zwei, drei Mal besucht, ich lebe in Tempelhof seit über 30 Jahren. Meine Heimat und Kindheit im Sudan sind Erinnerungen. Aber es war mir wichtig, dass meine Kinder Arabisch sprechen. Sie sind perfekt zweisprachig eine meiner Töchter hat in Khartoum Medizin studiert.“

 

Bücher und Bildung bedeuten Yousif viel. Als die Werner-Düttmann-Siedlung noch sozial angespannter war, kamen oft Kinder zu ihm, die sich Schule und Studium nicht zutrauten. Er hat sie ermutigt, ihnen Bücher geborgt und ihnen einen seiner vielen Tische zum Hausaufgabenmachen überlassen. Ich kenne mehrere Familien, die von Sozialhilfe leben, aber deren Kinder alle studiert haben, obwohl die Eltern keine Deutschen waren. Das bewundere ich. Neulich hat mich einer davon besucht, er ist jetzt Arzt, und er hat sich für meine Unterstützung bedankt“, erzählt er.

 

An die Zeit, in der man stundenlang über Politik diskutierte und Religionszugehörigkeit niemand interessierte, erinnert er sich gerne. „Glauben ist 100 % Privatsache.“ Besonders gefällt ihm das Genre Tom-Tom, sozial engagierte Lieder von Frauen, die mehrstimmig politische Themen aufgreifen. Denn Salah Yousif ist, wie er sagt, ein Linker. Er ist zwar religiös, aber die bereits erwähnte Mieterverdrängung betrifft in erster Linie das Umfeld der Siedlung: Der Graefekiez hat einen der höchsten Quadratmeterpreise der Hauptstadt. Die neuen Bewohner werden den diskreten Laden mit der Aufschrift «Ankauf-Verkauf» erst beim zweiten Hingucken bemerken, trotz der vielen schönen Möbel. Eher bemerken sie noch die Vinyl-Platten, die Yousif auch verkauft. Die Durchsicht der Scheiben katapultiert in die 70er und 80er Jahre. „Ich liebe Musik. Ich habe hier hauptsächlich Soul-Funk, Rock und Jazz-Platten, meine Lieblingsmusik. Aber die verkaufe ich. Zum Hören nehme ich Kassetten, da kann ich auch Musik aus dem Sudan hören.Die Arbeit des QMs und anderer Einrichtungen sowie deren Mitarbeiter lobt und schätzt Yousif sehr. Er hilft auf seine Art, mit Lesungen seiner Gedichte und Vermittlungstätigkeiten. Ein sozialer Brennpunkt ist die Düttmann-Siedlung schon länger nicht mehr, aber gewisse Herausforderungen bleiben

Fazit: In der Urbansstrasse 46 ist Kreuzberg noch in Ordnung.


 
Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft
vorgetragen von Salah Yousif
https://youtu.be/KSJCXK0smKQ

 
KALENDER
Termine in und um der Düttmann-Siedlung

 

  
 
           












20. Juli – Der Drehpunkt organisiert Par-Attack im Volkspark Friedrichshain von 15 bis 22 Uhr. Im Drehpunkt selbst gibt es den Beats & Rap Workshop mit Yeshe und Robin, von 18 bis 20 Uhr. Den offenen Treff gibt's ab 15 Uhr.

 

22. JuliSommertafel im Nachbarschaftstreff. Gemeinsam grillen, bitte Salate, Kuchen, Besteck und Teller mitbringen. Emrah Gökmen & Kebire machen Musik. Als special Event gibt es Wüstenmokka & Art.

 

27. Juli – Drehpunkt : von 17 bis 18 Uhr wird die neue Rampe eingeweiht, danach gibt es von 18 bis 20 Uhr den Beats & Rap Workshop mit Yeshe und Robin.

 

30. JuliInklusiver Spaziergang im Kiez für mehr Barrierefreiheit. Wer nicht mehr so mobil ist, egal aus welchem Grund, kann gemeinsam mit Nachbarn Barrieren zwischen Grimmstrasse und Admiralsbrücke und zurück entdecken. Sie werden dann dem Tiefbauaumtsleiter gemeldet. Treffpunkt: 11 Uhr am Brunnen Urban-/Grimmstr.

 

1. AugustBeginn der Umbauarbeiten im Nachbarschaftstreff. Bis Januar 2017 werden die Angebote in die angrenzenden Räume ausweichen.

 

15. bis 19. AugustSommerzirkus auf dem Werner-Düttmann-Platz. Jonglieren, auf Stelzen gehen, Seiltanz, Masken bauen all das und noch viel mehr bieten Dominique und Sofie von Mobil im Kiez an. Für Jung und Jung von 12 bis 17 Uhr.

 

22. bis 29. AugustStreet-Art Woche um der Düttmann-Siedlung: Stromkästen bemalen, besprühen und verschönern, also graue Kästen zu Kunstoasen machen. Ein weiteres Angebot von Dominique und Sofie von Mobil im Kiez, täglich von 12 bis 17 Uhr.


 
Newsletter des Quartiersmanagement der Werner Düttmann-Siedlung
www.duettmann-siedlung.de
Kiezredakteur: Adrian Garcia-Landa / Kiez.FM
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